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Wunder: Das Staunen neu lernen
Zur "Wunderkammer" werden die Deichtorhallen in Hamburg: Dort laden in einer Ausstellung Wunder aus Alltag und Religion zum Staunen ein.
Von der Frühgeschichte der Menschheit bis zur Aufklärung waren sie jahrtausendelang selbstverständlicher Teil des Alltags: Die kleinen und großen Wunder, ob göttlichen oder magischen Ursprungs.
Der Bereich des rational-kausalen Handelns galt nur als kleiner Ausschnitt innerhalb eines wundervollen Kosmos. Selbst Kant, der Aufklärer par excellence, konnte noch über das moralische Gesetz in ihm und den gestirnten Himmel über ihm staunen. Mit den segensreichen Erfolgen der Aufklärung in Politik, Naturwissenschaften und Technik begann jedoch auch eine Epoche der heillosen Auf- und Abgeklärtheit. Der Glaube an Wunder galt als Indiz für Dummheit, und wer angesichts von Naturphänomenen in ehrfürchtiges Staunen verfiel, hatte sie nur noch nicht begriffen.
Bis ironischerweise gerade die Avantgarde der Naturwissenschaftler das Unerklärliche, Unberechenbare und Sprunghafte erneut in das Weltbild einführte: Die Quantenphysik entdeckte Phänomene, die sich jeder Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit entziehen. Und rehabilitieren damit quasi jene antiken Philosophen, für die das Wunder fester Bestandteil der Rationalität war.
Kindern und Künstlern war das immer klar. Die Magie eines Spiels oder die emotionale Wucht einer Symphonie kann man nur erleben, nicht ableiten. Bleibt zu hoffen, dass wir heute aufgeklärt genug sind, um das Wunder aus der Ecke des Obskurantismus und Aberglaubens zu befreien und wieder das Staunen zu lernen.
Wie das gehen kann, zeigt die (ja, das Wortspiel muss sein) wundervolle Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen. Sie erinnert zu Recht an die Zeiten, als Museen noch "Wunderkammern" voll staunenswerter Artefakte war, denn wir sehen dort nicht nur von Uri Geller verbogene Gabeln, original Zauberstäbe von Harry Potter und den Weltmeister-Pokal von 1954, "das Wunder von Bern", sondern auch Bilder ehrfurchtgebietender Naturerscheinungen und Kunstwerke rund um das Thema Wunder in Alltag und Religion.
Und ganz wunderbar war die Idee der Ausstellungsmacher, viele speziell für Kinder gemachte Räume zu entwickeln. Mit extra kleinen Türen, damit die Großen nicht beim Staunen stören.
WUNDER
Deichtorhallen Hamburg vom 23.09.2011 05.02.2012
